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Aus meinem Leben Teil 2

Autor:
Giacomo Girolamo Casanova
Chevalier de Seingalt

Nichts ist dem denkenden Menschen teurer als sein Leben, nichts kann ihm teurer sein. Trotzdem verstehen gerade die sinnlichsten Menschen, nämlich diejenigen, die vom Leben den höchsten Genuß zu haben trachten, am vollkommensten die schwierige Kunst, das Leben schnell verstreichen zu lassen und es abzukürzen. Nicht daß sie die Absicht hätten, es zu verkürzen, denn im Gegenteil, man möchte es ewig dauern machen, um ewig zu genießen; aber man wünscht, daß im Genießen das Lehen unmerklich verstreicht, und darin hat man recht – vorausgesetzt, daß man nicht gegen seine Pflichten verstößt. Doch darf der Mensch sich nicht einbilden, nur das als Pflicht ansehen zu können, was seinen Sinnen angenehm ist; dies wäre ein großer Irrtum, dem er schließlich wohl gar zum Opfer fallen könnte. Ich glaube, mein Lieblingsdichter Horaz irrte, als er zu Florus sagte:

… Nec metuam quid de me judicet heres
Quod non plura datis inveniet.

… ich bin unbesorgt, wie einst urteile mein Erbe,
Weil er nicht mehr vorfand, als vermacht war.

Der ist der glücklichste Mensch, der sich die größte Menge Glück zu verschaffen weiß, ohne jemals seine Pflichten zu verletzen, und der unglücklichste ist der, der einen Beruf erwählt hat, in welchem er sich unaufhörlich in der traurigen Notwendigkeit befindet, Vorsichtsmaßregeln treffen zu müssen.

Überzeugt, daß M. M. mir nicht ihr Wort brechen würde, begab ich mich gegen zehn Uhr vormittags ins Sprechzimmer und sah sie eintreten, sobald ich ihr gemeldet worden war.

»Um Gotteswillen, lieber Freund, sind Sie krank?«

»Nein, göttliche Freundin; aber es ist wohl möglich, daß ich so aussehe, denn die unruhige Erwartung meines Glückes greift mich furchtbar an. Ich habe Appetit und Schlaf verloren, und sollte mein Glück verschoben sein, so stehe ich nicht dafür, daß ich am Leben bleibe.«

»Es ist nicht verschoben, lieber Freund; aber welch eine Ungeduld! Setzen wir uns. Hier ist der Schlüssel zum Kasino, wohin Sie sich begeben werden. Das Haus ist bewohnt, denn wir brauchen natürlich Leute zur Bedienung; aber niemand wird mit Ihnen sprechen, und Sie brauchen mit keinem Menschen zu sprechen. Sie werden maskiert sein und kommen erst um eineinhalb Uhr nachts [R1: Zwei Stunden nach Sonnenuntergang.], nicht früher. Sie steigen die Treppe hinauf, die der Haustür gegenüber ist, oben werden Sie beim Licht einer Laterne eine grüne Tür sehen, die Sie öffnen, um in die Wohnung zu gelangen. Diese wird erleuchtet sein. Im zweiten Zimmer werden Sie mich finden; sollte ich noch nicht da sein, so werden Sie ein paar Minuten auf mich warten; Sie können sich auf meine Pünktlichkeit verlassen. Sie können Ihre Maske ablegen und sich’s bequem machen; Sie werden Bücher und ein gutes Feuer finden.«

Die Beschreibung war klar und deutlich; ich küßte die Hand, die mir den Schlüssel zu diesem geheimnisvollen Tempel reichte, und fragte die reizende Frau, ob ich sie als Nonne sehen würde.

»Ich gehe als Nonne aus dem Kloster, aber ich habe im Kasino eine vollständige Garderobe, um mich weltlich zu kleiden; ich kann mich sogar maskieren.«

»Ich hoffe, Sie werden mir das Vergnügen machen, in ihrer Nonnentracht zu bleiben.«

»Warum denn, bitte?«

»Ich liebe so sehr, Sie in dieser Tracht zu sehen.«

»Haha! Ich verstehe. Sie stellen sich meinen geschorenen Kopf vor, und der macht Ihnen angst. Aber beruhigen Sie sich, lieber Freund; ich habe eine Perücke, die so ausgezeichnet gemacht ist, daß sie der Natur nichts nachgibt.«

»Gott, was sagen Sie da! Das bloße Wort Perücke ist niederschmetternd. Aber nein! Seien Sie versichert, ich werde Sie reizend finden, wie Sie auch erscheinen mögen. Nur setzen Sie die böse Perücke bitte nicht in meiner Gegenwart auf! Ach, ich beleidige Sie – Verzeihung! Ich bin in Verzweiflung, davon gesprochen zu haben. Sind Sie sicher, daß niemand Sie das Kloster verlassen sieht?«

»Sie können sich selber davon überzeugen, wenn Sie um die Insel herumfahren und sich das Pförtchen ansehen, das auf das andere Ufer führt. Ich habe den Schlüssel zu einem Zimmer, das nach diesem Ufer hinaus liegt, und ich kann mich auf die Laienschwester verlassen, die mich bedient.«

»Und die Gondel?«

»Mein Freund bürgt mir für die Treue der Bootsführer.«

»Was für ein Mann ist Ihr Liebhaber! Ich denke mir, er ist alt.«

»Sie irren sich. Wenn das der Fall wäre, würde ich mich schämen. Er ist keine vierzig Jahre alt und besitzt alle Eigenschaften, um geliebt zu werden: Schönheit, Geist, sanften Charakter, vornehme Handlungsweise.«

»Und er sieht Ihnen Ihre Launen nach?«

»Was nennen Sie Launen? Vor einem Jahr hat er mich erobert, und vor ihm hatte ich niemals einen Mann gekannt, wie Sie der erste sind, der in mir phantastische Wünsche erregte. Als ich ihm diese gestand, war er erst ein wenig erstaunt, dann aber fing er an zu lachen und hielt mir in ein paar Worten vor, daß ich Gefahr liefe, an einen Indiskreten zu geraten. Es wäre ihm lieber gewesen, wenn ich zum mindesten erst erfahren hätte, wer Sie wären, bevor ich weiter ginge; aber es war schon zu spät. Ich bürgte ihm für Sie, und natürlich lachte er darüber, daß ich so entschieden für jemanden eintrat, den ich gar nicht kannte.«

»Wann haben Sie ihm alles gebeichtet?«

»Vorgestern. Und ich habe ihm nichts verschwiegen. Ich habe ihm meine und Ihre Briefe gezeigt, und er hält Sie für einen Franzosen, obgleich Sie sich für einen Venetianer ausgeben. Er ist sehr neugierig, wer Sie wohl sein mögen. Aber seien Sie unbesorgt, ich verspreche Ihnen, niemals den geringsten Schritt zu tun, um dies zu erfahren.«

»Und ebensowenig werde ich mich bemühen, zu erfahren, wer dieser Mann ist, der ebenso selten ist wie Sie! Ich bin in Verzweiflung, wenn ich daran denke, welchen Kummer ich Ihnen gemacht habe.«

»Reden wir nicht mehr davon! Denn wenn ich selber recht nachdenke, sehe ich ein, daß nur ein Geck anders hätte handeln können.«

Zum Abschied erhielt ich am Fensterchen ein neues Pfand ihrer Zärtlichkeit, und ihre Blicke geleiteten mich bis zur Tür.

Am Abend begab ich mich zur bestimmten Stunde an den Ort unseres Stelldicheins. Genau ihren Weisungen befolgend, gelangte ich in einen Salon, wo ich meine neue Eroberung in der elegantesten Gesellschaftstoilette vorfand. Der Salon war durch Armleuchter erhellt, deren Schein von den Spiegeln zurückgeworfen wurde, und von vier schönen Kerzen, die auf einem mit Büchern bedeckten Tische standen. Sie erschien mir von einer ganz andersartigen Schönheit als früher, da ich sie als Nonne gesehen hatte. Sie trug eine Frisur mit einem prachtvollen Chignon; aber ich sah gar nicht näher danach hin, so unangenehm war mir der bloße Gedanke an eine Perücke, und ich hätte mich wohl gehütet, ihr ein Kompliment darüber zu machen. Ich warf mich vor ihr auf die Knie, um ihr meine lebhafte Dankbarkeit zu bezeigen, und küßte in Verzückung ihre schönen Hände, um damit den Liebeskampf einzuleiten, zu dem es ja kommen mußte; aber M. M. glaubte mir Widerstand entgegensetzen zu müssen. Wie reizend ist doch diese Weigerung einer verliebten Geliebten, die den Augenblick des Glückes nur deshalb hinausschiebt, um seine Wonnen besser auskosten zu können! Als zärtlicher, ehrerbietiger, zugleich aber kühner und unternehmender Werber, der seines Sieges gewiß war, mischte ich zarte Rücksicht mit feurigem Ungestüm. Dem allerschönsten Munde die heißesten Küsse raubend, glaubte meine Seele vor Wonne zu vergehen. Wir verbrachten zwei Stunden mit diesen einleitenden Kämpfen, und als diese aufhörten, wünschten wir uns beide Glück: sie, daß sie hatte widerstehen können; ich, daß ich meine Ungeduld zu mäßigen gewußt hatte.

Wir hatten beide einen Augenblick der Ruhe nötig; sie erriet meine Wünsche und sagte zu mir: »Lieber Freund, ich habe einen Hunger, der mir Hoffnung gibt, daß ich dem Abendessen alle Ehre erweisen werde; willst du mir versprechen, mir die Spitze zu bieten?« Hierzu fühlte ich mich vollkommen imstande, und ich antwortete ihr: »Ja, das verspreche ich dir; nachher wirst du sehen, ob ich es mit Amor ebenso leicht aufzunehmen vermag wie mit Comus.«

Sie klingelte, eine sehr gut gekleidete und sehr anständig aussehende Frau in mittleren Jahren kam herein, deckte einen Tisch für zwei Personen, stellte auf einen anderen, was wir brauchten, um uns selber bedienen zu können, und setzte uns dann acht Gerichte in Sèvresporzellanschüsseln auf silbernen Wärmpfannen vor. Es war eine leckere und reichliche Mahlzeit.

Schon an den ersten Gerichten erkannte ich die französische Küche, und sie bestritt mir meine Wahrnehmung nicht. Wir tranken nur Burgunder und Champagner. Sie bereitete den Salat sauber und geschickt, und ich mußte bei jeder Bewegung ihre Anmut und Eleganz bewundern. Offenbar war ihr Liebhaber ein Kenner, der ihr alle diese Künste beigebracht hatte. Ich war neugierig, ihn kennen zu lernen, und als wir beim Punsch angelangt waren, sagte ich ihr: wenn sie meine Neugierde befriedigen wolle, sei ich bereit, ihr meinen Namen zu sagen. Sie antwortete mir jedoch: »Überlassen wir, lieber Freund, der Zeit die Befriedigung unserer gegenseitigen Neugierde!«

M. M. hatte unter ihren Uhranhängseln ein kleines Bergkristallfläschchen von ganz genau der gleichen Form wie das, das ich an meiner Kette trug. Ich machte sie darauf aufmerksam, und da ich in meinem Fläschchen ein Wattebäuschchen mit Rosenöl hatte, gab ich es ihr zum Riechen.

»Ich habe ebensolches,« sagte sie und ließ auch mich riechen.

»Die Essenz ist sehr selten und kostet viel Geld.«

»Deshalb ist sie auch nicht käuflich zu haben.«

»Das ist wahr. Der Erzeuger dieser Essenz ist ein gekröntes Haupt, der König von Frankreich. Er hat ein Pfund davon hergestellt, das ihm dreißigtausend Livres gekostet hat.«

»Mein Liebhaber hat das Rosenöl zum Geschenk erhalten und hat mir davon abgegeben.«

»Frau von Pompadour hat ein Fläschchen voll durch Vermittlung des jetzigen hiesigen französischen Gesandten, Herrn von Bernis, an den venezianischen Gesandten in Paris, Herrn von Mocenigo, geschickt.«

»Kennen Sie Herrn von Bernis?«

»Ich hatte die Ehre, gerade an dem Tage, als er sich bei unserem Gesandten verabschiedete, mit ihm zusammen zu speisen. Herr von Bernis ist vom Glück begünstigt worden, und er hat es durch sein Verdienst an sich zu fesseln gewußt; er ist ebenso vornehm von Geist wie von Geburt; er ist, wie ich glaube, Graf von Lyon [Fußnote]. Ich erinnere mich, daß er wegen seines hübschen Gesichtes den Spitznamen Belle-Babet erhalten hat. Wir besitzen von ihm eine kleine Sammlung von Gedichten, die ihm Ehre machen.«

Es war nahe an Mitternacht; wir hatten ausgezeichnet gegessen und saßen vor einem guten Feuer. Außerdem war ich verliebt in das Prachtweib und da die Zeit mich kostbar dünkte, wurde ich dringend. Aber sie sträubte sich immer noch.

»Grausame Freundin!« rief ich aus; »hast du mir nur darum die Glückseligkeit versprochen, um mich alle Qualen des Tantalus erleiden zu lassen? Wenn du dich nicht der Liebe ergeben willst, so gib doch wenigstens der Natur nach. Wir haben ein köstliches Mahl eingenommen; laß uns jetzt zu Bett gehen!«

»Bist du schläfrig?«

»Nein, gewiß nicht; aber zu so später Stunde legt man sich zu Bett. Gestade, daß ich dich zu Bett bringe; ich werde neben deinem Kopfkissen sitzen oder ich werde hinausgehen, wenn du das wünschest.«

»Wenn du von mir gingst, würdest du mir einen empfindlichen Schmerz bereiten.«

»Der meinige wäre nicht geringer, glaube mir! Aber wenn ich nun bleibe – was machen wir dann?«

»Wir können uns völlig angekleidet auf dieses Sofa ausstrecken.«

»Angekleidet! Meinetwegen. Ich werde dich schlafen lassen können, wenn du es wünschest. Mir aber wirst du verzeihen, wenn ich nicht schlafe. Denn an deiner Seite schlafen zu sollen, noch dazu in meinen Kleidern – das heißt Unmögliches verlangen!«

»Warte!«

Sie steht auf, zieht mit einem leichten Ruck das Kanapee auseinander, holt Kissen, Tücher und Decken hervor, und im Handumdrehen ist ein prachtvolles, breites und bequemes Bett bereit. Sie nimmt ein großes Taschentuch und bindet es mir um den Kopf; dann gibt sie mir ein zweites und fordert mich auf, ihr denselben Dienst zu erweisen. Ich machte mich ans Werk, ohne mir meinen Abscheu vor ihrer Perücke merken zu lassen; da verschaffte eine köstliche Entdeckung mir die angenehmste Überraschung: statt einer Perücke hatte ich das allerschönste Haar in der Hand. Ich stieß vor Glück und Bewunderung einen lauten Schrei aus, über den sie herzlich lachte; dann sagte sie mir, einer Nonne liege keine weitere Verpflichtung ob, als ihre Haare vor den Augen der profanen Menge zu verbergen. Im selben Augenblick gab sie mir einen geschickten Stoß, so daß ich der Länge nach auf das Kanapee hinfiel. Ich sprang auf, hatte mich in einer Minute meiner Kleider entledigt und warf mich mehr auf als neben sie. Sie umschlang mich kräftig mit ihren beiden Armen, aber sie sagte, sie glaube, ich müsse ihr alle Leiden verzeihen, die sie mir durch ihr Widerstreben bereite. Ich hatte noch nichts Wesentliches erreicht; ich glühte; aber ich wußte meine Ungeduld zu beherrschen; ich glaubte noch nicht das Recht zu haben, Ansprüche geltend zu machen. Ich löste ihr fünf oder sechs Bandschleifen, und mein Herz pochte vor Wonne, als sie mich gewähren ließ und ich in den Besitz des schönsten Busens gelangte, den ich mit meinen Küssen bedeckte. Hierauf beschränkte sich auch ihre ganze Huld. Je mehr ich von ihrer vollkommenen Schönheit sah, desto glühender wurden meine Anstrengungen; aber vergeblich. Ermattet mußte ich den Kampf aufgeben, und sie gegen meinen Busen pressend, schlief ich endlich in ihren Armen ein. Ein rasselndes Geräusch weckte uns auf.

»Was ist’s?« rief ich emporfahrend.

»Lieber Freund, wir müssen aufstehen; es ist Zeit für mich, ins Kloster zurückzukehren.«

»Zieh dich an und gönne mir das Vergnügen, dich im Kleide der Heiligen zu sehen, denn du scheidest ja als Jungfrau von mir.«

»Sei für diesmal zufrieden, mein süßer Schatz, und lerne von mir Enthaltsamkeit üben; ein anderes Mal werden wir glücklicher sein. Wenn ich fort bin, kannst du dich hier ausruhen, falls du nichts dringlicheres vor hast.«

Sie klingelte, und es erschien dieselbe Frau, die am Abend gekommen war und die ohne Zweifel ihre Vertraute und geheime Vermittlerin bei ihren Liebesmysterien war. Nachdem meine Geliebte sich hatte frisieren lassen, zog sie ihr Kleid aus, schloß ihren Schmuck in einen Schrank ein und legte ein Nonnenmieder an, das ihre beiden prachtvollen Halbkugeln verbarg, die während dieser anstrengenden Nacht am meisten zu meinem Glück beigetragen hatten. Hierauf zog sie ihr Nonnenkleid an. Als die Vertraute hinausgegangen war, um den Gondolieren Bescheid zu sagen, küßte sie mich zärtlich und feurig und sagte: »Ich erwarte dich übermorgen; dann wirst du mir sagen, welche Nacht ich mit dir in Venedig verbringen soll. Und dann zärtlicher Freund, wirst du ganz glücklich sein, und ich auch. Leb wohl.«

Glücklich, wenn auch nicht befriedigt, legte ich mich wieder hin und schlief bis zum Mittag.

Am Tage der heiligen Katharina, dem Namenstag meiner lieben C. C., glaubte ich der reizenden Gefangenen, die nur um meinetwillen litt, das Vergnügen meines Anblicks verschaffen zu sollen. Als ich die Kirche verlassen hatte, bemerkte ich gerade in dem Augenblick, wo ich in eine Gondel stieg, einen Menschen, der mir folgte. Ich wurde argwöhnisch und beschloß, mir Aufklärung zu verschaffen. Der Mann nahm ebenfalls eine Gondel und fuhr mir nach. Das konnte reiner Zufall sein; um mich aber vor Überraschungen zu schützen, stieg ich in Venedig beim Palazzo Morosini del Giardino aus. Mein Mann stieg ebenfalls aus; nun war kein Zweifel mehr möglich. Ich ging durch den Palast hindurch und schlug die Richtung nach der Flandrischen Post ein. In einer engen Gasse blieb ich stehen und erwartete mit gezogenem Messer den Spion, packte ihn am Kragen, drückte ihn in eine Ecke, setzte ihm die Spitze des Messers an die Kehle und forderte ihn auf, mir zu sagen, was er von mir wollte. Er zitterte und wollte alles gestehen, als unglücklicherweise jemand das Gäßchen betrat. Der Spion entwischte mir, und ich erfuhr nichts; aber ich war überzeugt, daß dieser Kerl sich künftighin in respektvoller Entfernung halten würde. Zugleich jedoch fühlte ich, daß ein hartnäckiger Neugieriger leicht mußte herausbringen können, wer ich wäre. Ich beschloß daher nur noch maskiert oder bei Nacht nach Murano zu gehen.

Am nächsten Tage sollte ich meine schöne Nonne sehen, um von ihr zu erfahren, wann sie mit mir in Venedig zu Abend essen würde; ich fand mich bereits in aller Frühe im Sprechzimmer ein. Sie erschien sofort, und die Freude stand ihr auf dem Gesicht geschrieben. Sie machte mir ein Kompliment darüber, daß ich mich wieder in ihrer Kirche hätte sehen lassen. Alle Nonnen wären entzückt gewesen, nach dreiwöchentlicher Abwesenheit mich wiederzusehen. »Die Äbtissin«, erzählte sie mir, »sprach mir ihre Freude darüber aus, daß du wieder gekommen wärest, und sagte mir, sie wäre sicher, daß sie herausbringen würde, wer du wärest.« Ich erzählte ihr nun den Vorfall mit dem Spion, und uns beiden erschien es höchst wahrscheinlich, daß dies wohl das Mittel gewesen sein möchte, wodurch die fromme Frau Näheres über mich hätte erfahren wollen.

»Ich bin, göttliche Freundin, entschlossen, nicht mehr die Messe zu besuchen!«

»Das wird für mich eine Entbehrung sein; aber in unserem gemeinsamen Interesse kann ich deinen Entschluß nur billigen.« Sie erzählte mir darauf von der verräterischen Ritze in der Wand ; »aber«, setzte sie hinzu, »sie ist bereits verstopft, und von dieser Seite brauchen wir nichts mehr zu befürchten. Ich wurde durch eine junge Pensionärin darauf aufmerksam gemacht, die ich sehr lieb habe und die sehr an mir hängt.«

Ich bezeigte keine Neugier, den Namen dieser Freundin zu erfahren, und sie nannte ihn mir nicht.

»Und nun, mein Engel, sage mir, ob mein Glück hinausgeschoben ist?«

»Allerdings – aber nur um vierundzwanzig Stunden; die neueingetretene Schwester hat mich zum Abendessen auf ihr Zimmer eingeladen, und du begreifst, daß es keinen einleuchtenden Vorwand gibt, um so etwas abzulehnen.«

»Du würdest ihr also nicht anvertrauen, daß ich den sehr berechtigten Wunsch hege, daß sie niemals zu Abend essen möge?«

»Nein, gewiß nicht. Soweit geht in Klöstern das Vertrauen niemals. Außerdem, mein Freund, kann man eine derartige Einladung nur ausschlagen, wenn man den Wunsch hat, sich eine unversöhnliche Feindin zu machen.«

»Kann man nicht sagen, man sei krank?«

»Ja. Aber dann die Besuche?«

»Ich verstehe; wenn du Besuche ablehntest, könnte man Verdacht schöpfen, daß du nicht im Kloster anwesend wärest.«

»Solcher Verdacht wäre unmöglich. Denn hier glaubt man nicht an die Möglichkeit, daß eine von uns das Kloster verlassen kann.«

»Du bist also die einzige hier, die dieses Wunder zuwege bringen kann?«

»Verlaß dich drauf! Aber das Wunder wird hier, wie überall, vom Gelde bewirkt.«

»Es bewirkt vielleicht noch andere.«

»Die Zeiten sind vorüber. Aber sage mir, Liebling, wo willst du morgen abend zwei Stunden nach Sonnenuntergang auf mich warten?«

»Könnte ich dich nicht hier bei deinem Kasino erwarten?«

»Nein; denn mein Liebhaber selber wird mich nach Venedig bringen.«

»Er selber?«

»Ja, er selber.«

»Das ist unglaublich.«

»Aber wahr.«

»Ich werde auf dem Platz San Giovanni e San Paolo hinter dem Denkmal des Bartolomeo von Bergamo auf dich warten.«

»Ich habe den Platz und das Denkmal stets nur auf Abbildungen gesehen. Aber das genügt. Ich werde pünktlich kommen. Nur ein ganz abscheuliches Wetter könnte mich hindern, zu einem Stelldichein zu erscheinen, wozu mein Herz mich ruft.«

»Und wenn solches Wetter einträte?«

»Dann, lieber Freund, wäre nichts verloren; wir würden uns einfach wieder hier treffen und einen anderen Tag verabreden.«

Ich hatte keine Zeit mehr zu verlieren, denn ich hatte ja noch gar kein Kasino. Ich nahm einen zweiten Ruderer an und war in weniger als einer Viertelstunde auf dem Markusplatz. Dann machte ich mich sofort auf die Suche. Wenn ein Sterblicher das Glück hat, in der Gunst des Gottes Plutus zu stehen, und wenn er nicht knauserig ist, so kann er sicher sein, daß ihm so ziemlich alles gelingen wird. Ich brauchte daher denn auch nicht lange zu suchen, um ein Kasino zu finden, wie ich es wünschte. Es war das schönste in ganz Venedig und dessen Umgebung; dafür war es natürlich auch das teuerste. Es hatte dem englischen Gesandten gehört, der es seinem Koch um billigen Preis überlassen hatte, als er von Venedig fortging. Der neue Besitzer vermietete es mir bis Ostern [R1: Also auf etwa 4 Monate.] für hundert Zechinen, die ich ihm im voraus zahlte unter der Bedingung, daß er persönlich mir die Diners und Soupers herstellte, die ich bei ihm zu bestellen Lust hätte.

Ich hatte fünf Zimmer, die im besten Geschmack ausgestattet waren, und alles schien darauf berechnet zu sein, der Liebe, dem Vergnügen und den Freuden der Tafel zu dienen. Das Essen wurde durch ein blindes Fenster ins Speisezimmer besorgt; es war in die Wand eingelassen und mit einem drehbaren Speisenträger versehen, der die Offnung genau ausfüllte, so daß Herrschaft und Bedienung sich nicht sehen konnten. Dieser Speisesaal war mit prachtvollen Spiegeln, mit Kronleuchtern aus Bergkristall und mit Wandleuchtern aus vergoldeter Bronze geschmückt; ein herrlicher Standspiegel befand sich über einem Kamin aus weißem Marmor, der mit kleinen Vierecken aus chinesischem Porzellan ausgelegt war, worauf nackte Liebespaare in allen möglichen, die Phantasie entflammenden Stellungen abgebildet waren. Elegante und bequeme Sofas standen rechts und links vom Kamin. Nebenan befand sich ein achteckiges Zimmer, dessen Wände, Fußboden und Decke ganz und gar mit den schönsten venetianischen Spiegeln belegt waren, so daß das Liebespaar, welches dieses Gemach benutzte, alle seine Stellungen hundertfach vervielfältigt sah. Dicht daneben war ein schöner Alkoven mit zwei geheimen Zugängen; rechts ein elegantes Ankleidezimmer, links ein Boudoir, das für die Mutter der Liebesgötter hergerichtet zu sein schien, und ein Badezimmer aus karrarischem Marmor. Die Deckentäfelung war überall mit Malergold ausgelegt oder mit Blumen und Arabesken bemalt.

Nachdem ich befohlen hatte, alle Leuchter mit Kerzen zu versehen und überall, wo es nötig war, die schönste Wäsche aufzulegen, bestellte ich das üppigste und leckerste Essen für zwei Personen; auf die Kosten sollte er nicht sehen und vor allen Dingen die ausgesuchtesten Weine besorgen. Hierauf ließ ich mir den Schlüssel zur Haustür geben und belehrte den Meister Koch darüber, daß ich beim Kommen wie beim Gehen von keinem Menschen gesehen zu werden wünschte.

Ich bemerkte mit Vergnügen, daß die Stutzuhr im Alkoven mit einem Wecker versehen war; denn ich begann trotz aller meiner Liebe der Macht des Schlafes untertan zu werden.

Nachdem im Hause alles nach meinen Wünschen angeordnet war, ging ich als aufmerksamer und zartfühlender Liebhaber hin und kaufte die schönsten Pantoffeln, die überhaupt zu haben waren, und eine Nachtmütze aus Alenconspitzen.

Der Leser wird hoffentlich nicht finden, ich habe mich bei diesem Anlaß zu sehr um die Einzelheiten bekümmert; er möge bedenken, daß ich die vollkommenste Sultanin des Erdkreises zu Tische haben sollte und daß ich dieser vierten Grazie gesagt hatte, ich besäße ein Kasino. Durfte ich damit den Anfang machen, daß ich ihr einen schlechten Begriff von meiner Wahrheitsliebe gab?

Zur bestimmten Stunde, zwei Stunden nach Sonnenuntergang, begab ich mich nach meinem Palais; man kann sich kaum vorstellen, was für ein erstauntes Gesicht der Herr französische Koch machte, als er mich allein ankommen sah. Da ich nicht alles erleuchtet fand, wie ich’s befohlen hatte, machte ich ihm harte Vorwürfe und bedeutete ihm, daß ich es nicht liebte, etwas zweimal sagen zu müssen.

»Ein anderes Mal werde ich nicht verfehlen, die Anordnungen des Herrn genau auszuführen.«

»Tragen Sie das Essen auf.«

»Der Herr haben für zwei bestellt.«

»Servieren Sie für zwei und seien Sie für dieses Mal bei meiner Mahlzeit zugegen, damit ich Ihnen sagen kann, was ich gut oder schlecht finde.«

Das Essen kam durch das Drehfenster in guter Ordnung herein, immer zwei Schüsseln zu gleicher Zeit. Ich machte meine Bemerkungen über alles, im Grunde aber fand ich alles ausgezeichnet: Wild, Störfisch, Trüffeln, Weine, Nachtisch; alles wurde in schönem Meißener Porzellan oder auf Silber serviert. Ich sagte ihm, er habe vergessen, harte Eier, Anschovis und verschieden gewürzte Essige aufzusetzen, um Salat zu machen. Er erhob die Augen zum Himmel, wie wenn er sich eines großen Verschuldens bezichtigen wollte.

Nach einer Mahlzeit, die zwei Stunden dauerte und mir die Bewunderung meines Wirtes erwecken mußte, verlangte ich von ihm die Rechnung. Er brachte sie mir eine Viertelstunde später, und ich fand sie vernünftig. Ich entließ ihn und legte mich in das prachtvolle Bett, das im Alkoven stand. Das ausgezeichnete Abendessen verschaffte mir bald den süßesten Schlaf, der ohne Wirkung des Burgunders und Champagners mich wahrscheinlich würde geflohen haben, weil ich dann immerzu daran hätte denken müssen, daß ich die nächste Nacht an demselben Ort eine Göttin in meinem Besitz haben sollte. Ich erwachte erst am hellen Tage. Nachdem ich noch für den Abend das schönste Obst und Eis bestellt hatte, ging ich. Um einen Tag zu kürzen, den die Sehnsucht mir sehr lang erscheinen lassen mußte, spielte ich; ich sah mit Vergnügen, daß das Glück mich nicht weniger gut behandelte als die Liebe. Da nun alles so herrlich nach meinen Wünschen ging, machte ich mir eine Wonne daraus, mein Glück dem guten Geist meiner Nonne zuzuschreiben.

Eine Stunde vor der bestimmten Zeit war ich am verabredeten Ort; die Nacht war kalt, aber ich spürte nichts vom Frost. Pünktlich zur abgemachten Stunde sah ich eine Barke mit zwei Rudern sich nähern; eine maskierte Person sprang heraus, sobald das Boot das Ufer berührt hatte. Sie sprach mit dem Bootsmann am Bug und schritt dann auf das Denkmal zu. Als sie näher kam, klopfte mein Herz vor Wonne; plötzlich aher bemerkte ich, daß die Maske ein Mann war. Ich wich ihr aus und machte mir im stillen Vorwürfe, daß ich meine Pistolen nicht eingesteckt hatte. Die Maske ging jedoch um das Denkmal herum, trat auf mich zu und streckte mir freundschaftlich die Hand entgegen; ich erkannte meinen Engel. Sie lachte über meine Überraschung und hängte sich an meinen Arm; ohne ein Wort zu wechseln gingen wir nach dem Markusplatz und von dort nach meinem Kasino, das nur etwa hundert Schritte vom Theater San Moiso entfernt lag.

Ich fand alles nach Wunsch hergerichtet. Wir gingen nach oben, und schnell warf ich meinen Domino ab, M. M. aber machte sich einen Spaß daraus, in der Wohnung hin und her zu laufen und alle Winkel des entzückenden Liebesnestes zu durchstöbern. Sie war entzückt, daß ich von allen Seiten ihre anmutig geschmückte Person betrachtete, und sie bat mich, in diesem Schmuck die verschwenderische Güte ihres Liebhabers zu bewundern. Sie war überrascht von dem Wunder, daß sie, ohne sich zu rühren, ihre reizende Person in tausendfach verschiedener Art sah. Ihr Abbild, das von den Spiegeln, dank einer sinnreichen Anordnung der Kerzen, vervielfältigt wurde, bot ihr ein neues Schauspiel, von dem sie ihre Blicke nicht abwenden konnte. Auf einem Schemel sitzend, musterte ich voll Entzücken die ganze Eleganz ihrer Person. Sie trug einen Rock von rosenfarbenen. Samt mit goldenen Stickereien, eine dazu passende Weste mit überaus reicher Handstickerei; schwarze Atlaskniehosen; Schuhschnallen mit Brillanten, einen sehr wertvollen Solitär am kleinen Finger und an der anderen Hand einen Ring, dessen Kasten nur ein mit Kristall überdecktes Stückchen weißen Atlas aufwies. Ihre baüte [R1: Maske.] aus schwarzer Blonde war von auffallender Schönheit in bezug auf ihre Feinheit und das Muster. Damit ich sie besser ansehen könnte, stellte sie sich vor mich hin. Ich untersuchte auch ihre Taschen und fand darin: eine goldene Tabaksdose, eine reich mit Perlen besetzte Bonbonniere, ein goldenes Besteck, eine prachtvolle Lorgnette, Taschentücher vom allerfeinsten Battist, die mit den kostbarsten Essenzen nicht nur parfümiert, sondern geradezu getränkt waren. Ich bewunderte aufmerksam das reiche Material und die sorgfältige Arbeit ihrer beiden Uhren, ihrer Ketten und ihrer von kleinen Diamanten funkelnden Uhranhängsel; zum Schluß fand ich ein Pistol – aber es war ein englisches Feuerzeug aus reinem und schön poliertem Stahl.

»Alles, was ich hier sehe, meine göttliche Freundin, reicht nicht annähernd an deine eigenen Vorzüge heran; aber ich kann mich nicht enthalten, dir meine Bewunderung auszusprechen für den erstaunlichen, ich möchte fast sagen: anbetungswürdigen Menschen, der dich offenbar überzeugen will, daß du in Wirklichkeit seine [R2: Hier natürlich im Sinn von Herrin.] Maitresse bist.«

»Dies hat er mir gesagt, als ich ihn bat, mich nach Venedig zu bringen und hier allein zu lassen. ›Amüsiere dich,‹ sagte er; ›ich wünsche nur, daß der Mann, den du glücklich machen willst, sich dessen würdig erweist‹.«

»Ich wiederhole: es ist ein erstaunlicher Mensch; es gibt keinen anderen von solchem Zuschnitt. Ein Liebhaber von solcher Art ist einzig, und ich fühle, daß ich es ihm nicht gleichtun kann, wie ich anderseits befürchte, daß ich mein Glück, das mich blendet, nicht verdiene.«

»Erlaube mir, allein ins Nebenzimmer zu gehen und mich zu demaskieren.«

»Sei freie Herrin deiner Wünsche.«

Eine Viertelstunde darauf trat meine Geliebte wieder ein. Sie war als Mann frisiert, aber ihre langen Seitenlocken fielen ihr über die Wangen herab, und ihr mit einem schwarzen Bande zusammengehaltener Haarschopf reichte bis über die Kniekehlen hinab. In ihren Formen glich sie einem Antinous; hätte sie nicht ihren französischen Anzug getragen, so wäre die Illusion vollständig gewesen. Ich war wie verzaubert, und mein Glück erschien mir unbegreiflich. »Nein,« rief ich, »nein, anbetungswürdiges Weib, du bist nicht für einen Sterblichen geschaffen, und mir ist’s, als fühle ich, daß du niemals mein sein wirst. Im Augenblick, wo ich dich besitzen soll, wird irgendein Wunder dich meiner Glut entreißen. Vielleicht wird dein göttlicher Gemahl, eifersüchtig auf einen einfachen Sterblichen, alle meine Hoffnungen zerstören. In einer Viertelstunde lebe ich vielleicht nicht mehr.«

»Bist du rasend, mein Freund? Ich gehöre ja dir in diesem Augenblick, wenn du willst!«

»Ah! Ob ich will! Ich habe zwar den ganzen Tag noch nichts gegessen – aber komm! Liebe und Glück werden meine Nahrung sein.«

Sie fror. Wir setzten uns vor das Feuer. Ich konnte meine Ungeduld nicht mehr bemeistern und löste eine Brillantschnalle, die ihre Spitzenkrause zusammenhielt. Leser – es gibt so lebhafte und so süße Empfindungen, daß die Jahre kaum die Erinnerung daran verwischen und daß die Zeit sie niemals gänzlich zerstören kann. Mein Mund hatte ja schon diesen zauberhaften Busen mit Küssen bedeckt, aber das lästige Mieder hatte mir nicht erlaubt, ihn in seiner ganzen Vollkommenheit zu bewundern. Jetzt fühlte ich ihn frei von allem Zwang und von jeder überflüssigen Stütze: niemals habe ich einen schöneren gesehen, niemals einen schöneren berührt. Wären die beiden wunderbaren Halbkugeln der mediceischen Venus von Pronmetheus‘ Funken belebt worden, sie hätten vor denen meiner göttlichen Nonne verblassen müssen.

Ich brannte vor Begierden, und ich schickte mich an, diese zu befriedigen, als meine Zauberin mich mit einem einzigen Wort beruhigte.

»Warten wir bis nach dem Essen!« sagte sie.

Ich klingelte. Sie erzitterte, aber ich sagte zu ihr: »Beruhige dich, Geliebte!« und zeigte ihr das Geheimnis. »Du wirst deinem Liebhaber sagen können, daß kein Mensch dich gesehen hat.«

»Er wird deine Aufmerksamkeit bewundern und wird erraten, daß du kein Neuling in der Lebenskunst bist. Aber offenbar bin ich nicht die einzige, die mit dir sich dieses wonnigen Liebesnestes erfreut.«

»Du irrst dich. Glaube mir auf mein Wort: Du bist die erste Frau, die ich hier gesehen habe. Du bist, angebetetes Weib, nicht meine erste Leidenschaft, aber du wirst meine letzte sein!«

»Ich werde glücklich sein, wenn du beständig bist. Mein Liebhaber ist es. Er ist freundlich, gut und liebenswürdig; trotzdem blieb mein Herz stets leer, solange ich ihn kenne.«

»Auch sein Herz muß leer sein; denn wenn seine Liebe von der Art der meinigen wäre, hättest du mich niemals glücklich gemacht.«

»Er liebt mich, wie ich dich liebe. Und glaubst du, daß ich dich liebe?«

»Das will ich sehr gerne glauben; aber du ließest mich nicht …«

»Schweig! Denn ich fühle, daß ich dir alles verzeihen könnte, wenn du nur nichts vor mir geheim hieltest. Die Freude, die mich in diesem Augenblick beseelt, entspringt mehr aus meiner Hoffnung, alle deine Wünsche erfüllen zu können, als aus dem Gedanken, daß ich mit dir eine köstliche Nacht verbringen werde. Sie wird die erste meines Lebens sein.«

»Wie? Du hast niemals eine Nacht mit deinem Geliebten verbracht?«

»Mehrere. Aber Freundschaft, Gefälligkeit und Dankbarkeit bestritten vielleicht alle Kosten; das Wesentliche, die Liebe, war ausgeblieben. Dabei ist mein Liebhaber dir ähnlich; er hat ein fröhliches Temperament, ähnlich dem deinen, und von Gesicht ist er sehr hübsch. Aber trotzdem – er ist nicht du! Ich halte ihn auch für reicher als dich, obwohl ich nach der Ausstattung deines Kasinos das Gegenteil annehmen könnte. Aber was macht die Liebe sich aus Reichtum! Und bilde dir nur nicht etwa ein, daß ich geringer von dir denke, weil du dir nicht den Heroismus zutraust, mir eine Extratour zu erlauben! Ich weiß, du würdest mich nicht so lieben, wie du zu meinem Entzücken mich liebst, wenn du mir sagtest, du könntest für eine Phantasie von mir dieselbe Nachsicht haben wie er.«

»Wird er neugierig sein, die Einzelheiten dieser Nacht zu erfahren?«

»Er wird mir ein Vergnügen zu machen glauben, indem er sich bei mir danach erkundigt, und ich werde ihm alles erzählen, ausgenommen die Umstände, die ihn beschämen könnten.«

Nach dem Essen, das sie köstlich fand, bereitete sie Punsch, worauf sie sich trefflich verstand. Ich fühlte jedoch meine Ungeduld immer mehr anwachsen und sagte zu ihr: »Bedenke, daß wir nur sieben Stunden vor uns haben und daß wir uns selber betrügen würden, wenn wir sie bei Tisch verbrächten!<

»Du sprichst weiser als Sokrates, und deine Beredsamkeit überzeugt mich. Komm!« Sie führte mich in das galante Ankleidezimmer; dort schenkte ich ihr die schöne Nachtmütze und bat sie, ihre Haare nach Frauenart zu ordnen. Sie empfing mein Geschenk mit Freuden und bat mich, ich möchte mich im Salon entkleiden; sie würde mich rufen, sobald sie im Bett läge.

Ich brauchte nicht lange zu warten, denn wenn es sich um Genüsse solcher Art handelt, ist alles schnell getan. Trunken vor Liebe und Glück sank ich in ihre Arme, und sieben Stunden lang gab ich ihr die untrüglichsten Beweise meiner Liebesglut und der Gefühle, die sie mir einflößte. Ich lernte von ihr nichts neues in bezug auf das Materielle; aber viel an Seufzern, an Verzückungen, an Ekstasen, an Gefühlen, wie sie nur in einer empfindsamen Seele in den süßesten Augenblicken sich entwickeln. Ich brachte auf tausenderlei Art Abwechslung in den Genuß, und sie war erstaunt, sich für die Wollust noch empfänglicher zu finden, als sie selber geglaubt hatte. Endlich ließ der fatale Wecker sich hören. Wir mußten unseren Verzückungen Einhalt gebieten; aber ehe sie sich meinen Armen entwand, hob sie die Augen zum Himmel auf, wie wenn sie ihrem göttlichen Gebieter dafür danken wollte, daß sie es über sich vermocht hatte, mir ihre Leidenschaft zu erklären.

Wir zogen uns an. Als ich ihr das schöne Spitzenhäubchen in die Tasche steckte, versicherte sie mir, sie würde es ihr Leben lang aufbewahren zur Erinnerung an das Glück, womit sie in dieser Nacht überströmt worden sei. Nachdem wir noch eine Tasse Kaffee getrunken hatten, verließen wir mein Kasino, und ich begleitete sie bis zur Piazza San Giovanni e San Paolo, wo ich ihr versprach, ich würde sie am übernächsten Tage besuchen. Nachdem ich sie sicher in ihre Gondel hatte einsteigen sehen, ging ich nach Hause und legte mich zu Bett. Zehn Stunden ununterbrochenen Schlafes gaben mir alle meine Kräfte zurück.

Am nächsten Morgen sah ich sie, und wir hatten folgendes Gespräch miteinander:

»Mein Freund«, sagte sie, »kam gestern, um bis zum Weihnachtsfest Abschied von mir zu nehmen. Er geht nach Padua. Aber es sind alle Anordnungen getroffen, daß wir in seinem Kasino soupieren können, sobald wir Lust haben.«

»Und warum nicht in Venedig?«

»Er hat mich gebeten, während seiner Abwesenheit nicht nach Venedig zu gehen. Er ist klug und vorsichtig: ich durfte ihm seine Bitte nicht abschlagen.«

»Das läßt sich hören. Wann werden wir miteinander speisen!«

»Sonntag, wenn du willst.«

»Wenn ich will – ist nicht gut gesagt. Denn ich will immer. Sonntag werde ich also in der Dämmerung hingehen, werde auf dich warten und mir die Zeit mit Lesen vertreiben. Hast du deinem Freund gesagt, daß du in meinem kleinen Palazzo nicht übel aufgehoben warst?«

»Alles – er weiß alles. Aber mein Herz, eins beunruhigt ihn: er fürchtet die verhängnisvolle Schwangerschaft.«

»Ich will sterben, wenn ich daran gedacht habe! Aber meine Liebe, bist du bei ihm nicht derselben Gefahr ausgesetzt?«

»Nein, das ist ausgeschlossen.«

»Ich verstehe. Da müssen wir also in Zukunft recht vernünftig sein.

Am Sonntag Nachmittag nahm ich eine Gondel mit zwei Ruderern und fuhr um die Insel Murano herum, um mir die Lage des Klosters von der Wasserseite einzuprägen und um mir die kleine Pforte zu merken, durch die meine Freundin das Kloster verließ. Es war verlorene Zeit und Mühe. Denn das Ufer, woran das Kloster lag, lernte ich erst während der Novene kennen und die kleine Pforte erst sechs Monate später, noch dazu mit Gefahr meines Lebens; ich werde davon sprechen, wenn wir so weit sind.

Als die Stunde nahte, ging ich in den Tempel der Liebe. Während ich auf meine Göttin wartete, belustigte ich mich damit, mir die Bücher einer kleinen Bibliothek anzusehen, die sich im Boudoir befand. Sie waren nicht zahlreich, aber sorgsam ausgewählt und so recht des Ortes würdig. Man fand da alle Schriften gegen die Religion und alles, was die wollüstigsten Federn über die Freuden der Liebe geschrieben haben – verführerische Bücher, deren Stil den Leser in Flammen setzt und ihn nötigt, die Wirklichkeit zu suchen, von der sie nur das Abbild sc***dern. Mehrere reich gebundene Foliobände enthielten nur laszive Kupferstiche. Ihr großes Verdienst bestand weit mehr in der Reinheit der Zeichnung als in der Geilheit der Stellungen. Es waren die englischen Stiche zum ›Portier des Chartreur‹, die Bilder zu Meursius‘ Aloysia Sigea Toletana und andere, und alle waren von seltener Schönheit. Zahlreiche kleine Gemälde bedeckten außerdem die Wände des Kabinetts – lauter Meisterwerke in derselben Art wie die Kupferstiche.

Seit einer Stunde war ich damit beschäftigt, alle diese Sachen mir anzusehen, und ihre Betrachtung hatte mich in eine nicht mehr zu bändigende Erregung versetzt, als ich meine schöne Geliebte in Nonnentracht eintreten sah. Ihr Anblick war nicht eben ein Beruhigungmittel, und ich rief daher: »Du kommst gerade im günstigsten Augenblick. Alle diese erotischen Bilder haben ein verzehrendes Feuer in meine Adern gegossen, und in deinem Nonnenkleide mußt du mir das Heilmittel gewähren, das meine Liebe von dir verlangt.«

»Laß mich erst mein gewöhnliches Kleid anziehen, Liebster; in fünf Minuten bin ich ganz dein!«

»In fünf Minuten werde ich schon glücklich gewesen sein; nachher kannst du gehen und dich umkleiden.«

»Aber laß mich doch mich meiner Wollröcke entledigen, die ich nicht liebe.«

»Nein, du mußt die Huldigung meiner Liebe in demselben Kleide empfangen, das du trugst, als du sie in mir wecktest.«

Mit dem demütigsten Gesicht sprach sie ein: Fiat voluntas tua – Dein Wille geschehe, das sie mit dem wollüstigsten Lächeln begleitete; dann ließ sie sich auf ein Sofa niedersinken, und wir vergaßen einen Augenblick die ganze Welt. Nach dieser süßen Entzückung half ich ihr sich auskleiden, und bald verwandelte ein einfaches Kleid aus indischem Musselin meine liebenswürdige Nonne in eine ganz entzückende Nymphe.

Nach emem köstlichen Mahl verabredeten wir uns, daß wir uns erst am ersten Tage der Novene wiedersehen wollten. Sie gab mir die Schlüssel zum Eingang von der Wasserseite und sagte mir, ich könnte bei Tage die Tür an einem aus dem Fenster unmittelbar darüber heraushängenden blauen Bande erkennen, damit ich mich abends nicht irrte. Ich versetzte sie in die höchste Freude, als ich ihr sagte, ich würde bis zur Rückkehr ihres Freundes einfach in ihrem Kasino wohnen bleiben. Während der zehn Tage, die ich in dem Hause verweilte, sah ich sie viermal, und jedesmal überzeugte ich sie, daß ich nur für sie lebte.

Am Tage vor Weihnacht sagte sie mir, ihr Liebhaber würde zurückkommen; sie würde am Stefanstage [ 26. Dezember] mit ihm die Oper besuchen, und sie würden hierauf die Nacht miteinander verbringen. »Ich erwarte dich, mein süßer Freund, am letzten Tage des Jahres, und hier hast du einen Brief, den ich dich erst in deiner Wohnung zu lesen bitte.«

Da ich also ausziehen mußte, um einem anderen Platz zu machen, schnürte ich in aller Herrgottsfrühe mein Bündel und verließ das Asyl, wo ich zehn Tage lang so hoher Wonnen genossen hatte. Ich begab mich nach dem Palazzo Bragadino und las dort folgenden Brief:

»Du hast mich ein wenig verletzt, lieber Freund, als Du in bezug auf das Geheimnis, worin ich Dir gegenüber die Person meines Liebhabers hüllen muß, mir bemerktest, Du seist zufrieden, mein Herz zu besitzen, und lassest mir die volle Freiheit meines Geistes. Diese Scheidung von Herz und Geist erscheint mir als durchaus sophistisch, und wenn sie Dir nicht so erscheint, so mußt Du zugeben, daß Du mich nicht voll und ganz liebst. Denn unmöglich kann ich ohne Geist existieren, und unmöglich kannst Du mein Herz lieben, wenn es nicht mit meinem Geiste in Einklang steht. Wenn Deine Liebe sich mit dem Gegenteil begnügen kann, so ist sie nicht übermäßig zartfühlend. Da jedoch der Fall eintreten könnte, daß Du mich vielleicht überführen würdest, Dir gegenüber nicht mit der vollen Aufrichtigkeit gehandelt zu haben, die eine wahre Liebe einflößt und verlangen kann, so habe ich mich entschlossen, Dir ein Geheimnis zu entdecken, das meinen Freund betrifft, obwohl ich weiß, daß er fest auf meine Verschwiegenheit rechnet. Ich werde einen Verrat begehen, aber Du wirst mich darum nicht weniger lieben; denn da ich in der Zwangslage bin, zwischen euch beiden wählen und entweder den einen oder den anderen belügen zu müssen, so hat die Liebe den Sieg davongetragen. Aber bestrafe mich nicht dafür, denn ich habe meine Wahl nicht blindlings getroffen, und Du wirst die Gründe abwägen, die die Wagschale sich zu Deinen Gunsten senken ließen.

Als ich mich nicht mehr imstande fühlte, meinem Verlangen nach Deiner näheren Bekanntschaft zu widerstehen, konnte ich nur dadurch zum Ziel gelangen, daß ich mich meinem Freunde offenbarte, und ich zweifelte keinen Augenblick an seiner gefälligen Hilfe. Er bekam von Deinem Charakter einen sehr vorteilhaften Begriff, als er Deinen ersten Brief las – einmal, weil Du das Sprechzimmer für unsere erste Zusammenkunft wähltest, ferner, weil Du sein Kasino in Murano Deinem eigenen vorzogst. Aber er bat mich auch um die Gefälligkeit, ihm zu erlauben, bei unserem ersten Beisammensein anwesend zu sein, und zwar in einem kleinen Kabinett, einem richtigen Versteck, von wo aus man, ohne selber gesehen zu werden, alles sehen kann, was im Salon vorgeht, und alles hören kann, was dort gesprochen wird. Du hast dieses Kabinett noch nicht gesehen, denn man kann dessen Vorhandensein unmöglich erraten; aber Du wirst es am Silvesterabend sehen. Sage mir, mein Herz, konnte ich dem Manne, der mir so großes Entgegenkommen zeigte, diesen eigentümlichen Wunsch versagen? Ich stimmte seiner Bitte zu, und da war es dann ganz natürlich, daß wir die Sache vor Dir geheim hielten. Jetzt weißt Du, daß mein Freund Zeuge war von allem, was wir während unserer ersten Liebesnacht taten und sagten. Aber laß Dich dies nicht verdrießen, denn ihm hat alles an Dir gefallen, Dein Benehmen sowohl wie die hübschen Bemerkungen, mit denen Du mich erheitert hast. Als das Gespräch auf ihn kam, hatte ich eine rechte Angst, Du könntest etwas sagen, was seinem Selbstgefühl nicht schmeichelhaft sein würde; glücklicherweise aber hat er nur lauter Schmeichelhaftes hören können. Hiermit, mein Herz, habe ich Dir aufrichtig meinen ganzen Verrat gebeichtet; aber als Verliebter und kluger Mann wirst Du ihn mir verzeihen und zwar um so leichter, da Du keinen Schaden davon gehabt hast. Mein Freund ist höchst neugierig zu erfahren, wer Du bist. Aber höre: in jener Nacht warst Du natürlich und ganz und gar liebenswürdig; wärst Du es auch gewesen, wenn Du gewußt hättest, daß Du Dich unter den Augen eines Zeugen befandest? Das ist nicht wahrscheinlich, und wenn ich Dich eingeweiht hätte, so würdest Du möglicherweise Dich gar geweigert haben, und vielleicht hättest Du recht gehabt.

Jetzt, da wir uns kennen und da Du, wie ich hoffe, nicht mehr an unserer zärtlichen Liebe zweifelst, will ich mein Gewissen beruhigen und alles an alles setzen. Erfahre also, lieber Freund, daß am Neujahrsabend mein Geliebter im Kasino sein und daß er es erst am nächsten Morgen verlassen wird. Du wirst ihn nicht sehen, aber er wird uns sehen. Da er annimmt, daß Du von nichts wissest, so begreifst Du, wie natürlich in jeder Hinsicht Dein Benehmen sein muß; denn wenn Du nicht natürlich wärest, könnte er auf den Verdacht kommen, daß ich das Geheimnis verraten habe. Am meisten mußt Du auf Deine Worte acht geben. Mein Freund besitzt alle Tugenden mit Ausnahme der theologischen Tugend, die man Glauben nennt, und auf diesem Gebiet magst Du Dich nach Herzenslust ergehen. Über Literatur, Reisen, Politik wirst Du nach Deinem Belieben sprechen; in bezug auf Anekdoten brauchst Du Dich nicht zu genieren; Du kannst seiner Billigung gewiß sein.

Jetzt, mein Freund, bleibt mir nur noch eins zu fragen: bist Du in der Laune, Dich in den Augenblicken, wo Du Dich der süßesten Wollust der Sinne überlieferst, von einem anderen Manne sehen zu lassen? Diese Ungewißheit ist jetzt meine Qual; und ich bitte Dich recht sehr: antworte mir mit einem Ja oder Nein. Begreifst Du, wie peinlich mir diese Befürchtung ist. Fühlst Du, wie schwer es mir werden muß, mich zu einem solchen Schritt zu entschließen. Ich sehe voraus, daß ich die nächste Nacht kein Auge schließen werde, denn ich werde keine Ruhe haben, bevor ich nicht Deine Antwort gesehen habe. Solltest Du glauben, in Gegenwart eines Dritten, zumal eines Unbekannten, nicht zärtlich sein zu können, so werde ich den Entschluß fassen, den die Liebe mir eingeben wird. Ich hoffe indessen, Du wirst kommen! Denn, wenn Du auch die Rolle des Liebenden nicht ganz vollkommen spielen solltest, so würde das weiter nicht schaden. Ich würde ihm einreden, Deine Liebe stände nicht mehr auf ihrem Höhepunkt.«

Dieser Brief überraschte mich. Aber wenn ich es mir recht überlegte, fand ich meine Rolle schöner als die, die der Liebhaber zu spielen gedachte, und so lachte ich herzlich darüber. Ich gestehe indessen, ich würde nicht gelacht haben, wenn ich nicht gewußt hätte, von welcher Art der Mann war, den ich zum Zeugen haben sollte. Da ich wußte, daß meine Freundin in großer Unruhe war, und da ich sie beruhigen wollte, schrieb ich ihr sofort folgendes:

»Du wünschest, göttliches Weib, daß ich Dir mit Ja oder Nein antworte. Voller Liebe zu Dir, will ich Dir meine Antwort noch vor Mittag zukommen lassen, damit Du ohne alle Unruhe essen kannst.

Ich werde die Neujahrsnacht mit Dir verbringen, und ich versichere Dir, wir werden dem Freunde ein Schauspiel bieten, dessen Paphos und Amathunt sich nicht hätten zu schämen brauchen. Er wird nichts sehen und hören, was ihn auf die Vermutung bringen könnte, ich wäre in sein Geheimnis eingeweiht; und verlaß Dich drauf, ich werde meine Rolle nicht als Dilettant, sondern als Meister spielen. Wenn der Mensch die Pflicht hat, stets Sklave seiner Vernunft zu sein; wenn er, soweit es von ihm selber abhängt, nichts sich erlauben darf, ohne ihrer Führung zu folgen – so werde ich niemals zu begreifen vermögen, daß ein Mensch sich schämen kann, sich einem Freunde in einem Augenblick zu zeigen, wo Natur und Liebe ihn gleichermaßen begünstigen.

Ich will Dir jedoch gestehen, daß Du übel daran getan haben würdest, mir das Geheimnis gleich beim erstenmal anzuvertrauen, und daß ich mich ohne Zweifel geweigert haben würde, in dieser Weise Dir gefällig zu sein. Nicht daß ich Dich damals weniger liebte, als ich Dich heute liebe – aber es gibt in der Natur so absonderliche Geschmacksverirrungen, daß ich mir vielleicht eingebildet hätte, es sei der Geschmack Deines Liebhabers, seinen Genuß im Anblick der Genüsse eines leidenschaftlichen und der süßesten Vereinigung sich schrankenlos hingebenden Liebespaares zu suchen. Dieser Gedanke hätte mir vielleicht einen unvorteilhaften Begriff von Dir gegeben und der Verdruß hätte vielleicht die Liebe abgekühlt, die Du mir eingeflößt hattest, die aber doch nur im ersten Entstehen begriffen war. Heute, meine reizende Freundin, liegt der Fall ganz anders, denn ich weiß vollkommen, welch einen Schatz ich in Deiner Liebe besitze. Aus allem, was Du mir über Deinen Freund erzählt hast, habe ich eine genaue Kenntnis seines Charakters gewonnen; ich liebe ihn und ich halte ihn für meinen Freund. Wenn Dich nicht ein Gefühl von Scham abhält, Dich in glühender zärtlicher Vereinigung mit mir von ihm sehen zu lassen, wie soll denn ich selber mich schämen, da doch im Gegenteil alles mich nur stolz machen kann. Ich kann, meine Göttin, weder darob erröten, daß ich Dich erobert habe, noch kann ich mich schämen, zu zeigen, mit welcher Freigebigkeit die Natur mir Schönheit und Kraft schenkte, die mir so lebhafte Genüsse geben und denen ich die Gewißheit verdanke, das von mir angebetete Weib an diesen Genüssen teilnehmen zu lassen. Ich weiß wohl, daß infolge eines Gefühls, das man natürlich nennt, das aber vielleicht nur ein Produkt der Zivilisation ist und aus jugendlichen Vorurteilen entspringt – ich weiß wohl, sage ich, daß es den meisten Menschen widerstrebt, sich in solchen Augenblicken sehen zu lassen. Diejenigen aber, die keine guten Gründe für solche Abneigung anführen können, müssen wohl etwas von der Natur der Katzen an sich haben; übrigens haben sie vielleicht recht gute Gründe und brauchen sich deshalb doch nicht für verpflichtet zu halten, sie irgend einem Menschen mitzuteilen, außer der Frau, die sich dadurch täuschen läßt. Ich entschuldige von ganzem Herzen alle diejenigen, die da wissen, daß sie nur das Mitleid der Zuschauer erregen würden; wir aber wissen, daß wir dieses traurige Gefühl gewiß nicht auslösen können! Alles, was Du mir von Deinem Freunde gesagt hast, gibt mir die Gewißheit, daß er unsere Genüsse teilen wird. Aber weißt Du auch, wie es kommen wird? Das Feuer unserer Leidenschaften wird die seine entflammen und – es tut mir leid um diesen ausgezeichneten Menschen – er wird nicht mehr an sich halten können, er wird sich mir zu Füßen werfen und mich bitten, ihm Dich abzutreten, die allein seine Erregung beruhigen kann. Was soll ich machen, wenn dieser Fall eintritt? Dich ihm überlassen? Ich könnte mich anstandshalber dessen nicht weigern; aber ich würde gehen, denn es wäre mir unmöglich, ruhiger Zuschauer zu sein.

Leb also wohl, mein Engel, alles wird gut gehen. Bereite Dich auf den athletischen Kampf vor, den wir miteinander bestehen müssen, und verlasse Dich auf den Glücklichen, der Dich anbetet!«

Ich verbrachte die sechs freien Tage mit meinen Freunden und im Ridotto, der zu jener Zeit am Stefanstage eröffnet wurde. Da ich nicht abziehen konnte – denn nur den Adligen war es erlaubt, im Patriziertalar die Bank zu halten –, so spielte ich morgens und abends und verlor beständig; denn wer nur setzt, muß verlieren. Der Verlust von vier- bis fünftausend Zechinen, die meinen ganzen Reichtum ausmachten, hatte aber nicht die Wirkung, meine Liebe abzukühlen, sondern schien ihr nur neue Glut zu verleihen.

Am verabredeten Tage erschien ich zur gewöhnlichen Stunde am gewöhnlichen Ort, und meine Freundin ließ mich nicht warten. Sie war im Kabinett, wo sie sich bereits hatte umkleiden können; sobald sie mich hörte, trat sie zu mir ins Zimmer. Sie war mit seltener Eleganz gekleidet.

»Der Freund ist noch nicht auf seinem Posten; sobald er aber da ist, werde ich dir einen Wink mit den Augen geben.«

»Wo ist denn dieses geheimnisvolle Kabinett?«

»Dort! Betrachte die Rücklehne des Kanapees an der Wand. Alle diese in Reliefs gearbeiteten Blumen haben in der Mitte ein Loch, durch welches man von dem dahinter befindlichen Kabinett aus hindurchsehen kann. Dieses enthält ein Bett, einen Tisch und was jemand sonst noch braucht, der darin die Nacht verbringen und zu seiner Belustigung sich ansehen will, was hier im Salon vorgeht. Ich werde es dir zeigen, sobald du willst.«

»Hat dein Liebhaber es so einrichten lassen?«

»Nein, gewiß nicht; denn er konnte nicht voraussehen, daß er je davon Gebrauch machen würde?«

»Ich begreife, daß solches Schauspiel ihm großes Vergnügen bereiten kann. Aber was wird er machen, wenn er in einem Augenblick, wo die Natur es gebieterisch fordert, dich nicht besitzen kann?«

»Das ist seine Sache. Übrigens kann er ja gehen, wenn er sich langweilt, oder schlafen, wenn er müde wird. Aber wenn du dich nach deiner Natur benimmst, wird er sich nicht langweilen.«

»Das werde ich tun; nur werde ich höflicher sein.«

»Keine Höflichkeiten, bitte, bitte! Denn wenn du höflich bist – ade Natur! Wo hast du je gesehen, ich bitte dich, daß zwei Liebende in der vollen Raserei der Liebe daran denken, Höflichkeitsformen zu beobachten?«

»Du hast recht, mein Herz; aber ich werde zart sein.«

»Das lasse ich gelten; Zartgefühl verdirbt nichts. Aber sei nicht anders als sonst. Dein Brief hat mir Freude gemacht; du hast das Thema als Sachverständiger behandelt!«

Meine Geliebte war, wie ich vorhin sagte, mit bemerkenswerter Eleganz gekleidet; aber ich hätte hinzufügen sollen, daß diese Eleganz die der Grazien war und der Einfachheit und Ungezwungenheit ihres Wesens keinen Abbruch tat. Auffallend fand ich nur, daß sie sich geschminkt hatte; doch gefiel es mir, weil sie die Schminke nach Art der Versailler Damen aufgelegt hatte. Der Reiz dieser Malerei besteht in der Nachlässigkeit, womit man sie auf die Wangen aufträgt. Man will gar nicht, daß dieses Rot natürlich aussehen soll; man legt es auf, um den Augen eine Lust zu bereiten; denn diese sehen darin Anzeichen einer Trunkenheit der Sinne, die ihnen außergewöhnliche Genüsse und zauberhafte Liebesrasereien verspricht.

Sie sagte mir, sie habe sich dem Neugierigen zuliebe so geschmückt, denn er habe an dieser Art des Schminkens viel Vergnügen.

»An diesem Geschmack«, sagte ich, »errate ich, daß er Franzose ist.«

Bei diesen Worten gab sie mir einen Wink: der Freund war auf seinem Posten. Die Komödie begann:

»Je mehr ich dich ansehe, mein Engel, desto mehr finde ich dich meiner Anbetung würdig.«

»Aber du bist doch überzeugt, daß du nicht eine grausame Gottheit anbetest?«

»Gewiß; deshalb bringe ich dir ja auch keine Opfer dar, um dich zu besänftigen, sondern um dich zu entflammen. Du wirst die ganze Nacht hindurch die Glut meiner Verehrung spüren!«

»Du wirst mich nicht unempfindlich gegen deine Opfer finden.«

»Ich würde sie sofort beginnen, aber ich glaube, um ihrer Wirksamkeit um so gewisser zu sein, müssen wir erst soupieren; denn ich habe heute noch nichts zu mir genommen als eine Tasse Schokolade und einen Salat von hartem Eiweiß mit Luccaöl und Räuberessig.«

»Aber, lieber Freund, welche Torheit! Du mußt krank sein!«

»Ja, in diesem Augenblick; aber ich werde mich vortrefflich befinden, wenn ich diese Eier eins nach dem anderen deiner liebenden Seele eingeflößt habe.«

»Ich glaubte nicht, daß du Reizmittel nötig hättest.«

»Wer hätte solche bei dir nötig! Aber ich habe eine begründete Furcht: sollte es mir zustoßen, daß das Zündhütchen Feuer finge, ohne daß der Schuß losginge – so würde ich mir eine Kugel durch den Kopf schießen.«

»Mein lieber Schwarzkopf, das wäre gewiß ein Unglück; aber deswegen braucht man doch noch nicht in Verzweiflung zu geraten.«

»Du meinst, ich brauchte nur einfach den Angriff zu erneuern?«

»Natürlich!«

Während wir uns mit solchen erbaulichen Gesprächen ergötzten, war der Tisch gedeckt worden, und wir nahmen Platz. Sie aß für zwei und ich für vier, denn unser ausgezeichneter Appetit wurde durch die Vortrefflichkeit der Speisen noch angespornt. Der prachtvolle Nachtisch wurde in Schüsseln von vergoldetem Silber aufgetragen, die zu den beiden vierarmigen Tischleuchtern paßten. Als sie bemerkte, daß ich deren Schönheit bewunderte, sagte sie: »Sie sind ein Geschenk von meinem Geliebten.«

»Ein prachtvolles Geschenk. Hat er dir auch die Lichtputzer dazu gegeben?«

»Nein.«

»Danach möchte ich glauben, daß dein Freund ein großer Herr ist.«

»Wieso denn?«

»Große Herren wissen nicht, daß man die Kerzen putzt.«

»Unsere Kerzen haben Dochte, die man nicht zu putzen braucht.«

»Sage mir doch, von wem du dein Französisch gelernt hast?«

»Vom alten La Forest. Ich war sechs Jahre lang seine Schülerin. Er hat mich auch Verse machen gelehrt. Aber weißt du – du kennst eine Menge Wörter, die ich niemals von ihm gehört habe, wie z. B. à gogo, frustratoire, rater, dorloter. Von wem hast du sie gelernt?«

»Von der Pariser guten Gesellschaft und besonders von den Frauen.«

Nachdem sie den Punsch bereitet hatte, machten wir uns den Spaß, Austern auf die wollüstigste Art zu essen, die nur zwei sich anbetenden Liebenden möglich ist. Wir schlürften sie abwechselnd einander aus dem Munde, nachdem wir sie auf die Zunge gelegt hatten. Wollüstiger Leser – iß Austern auf diese Art und sage, ob dieses nicht ohne Frage der Nektar der Götter ist!

Endlich war genug getändelt; wir mußten an ausgiebigere Genüsse denken, und ich erinnerte sie daran. »Warte!« sagte sie; »ich werde das Kleid wechseln, in einem Augenblick bin ich dein.« Ich wußte nicht recht, was ich allein anfangen sollte, und stöberte in den Schubfächern ihres Schreibtisches herum. Mehrere Briefe, die ich fand, ließ ich unberührt; als ich aber eine Schachtel mit gewissen zur Verhütung der Empfängnis dienenden Futteralen fand, nahm ich den Inhalt an mich und legte an die Stelle des Gestohlenen folgende Verse:

Enfants de l’amitié, ministres de la peur,
Je suis l’Amour, tremblez! respectez le voleur!
Et toi, femme de Dieu, ne crains pas d’ètre mère;
Car si tu le deviens, Dieu seul sera le père.
S’il est dit cependant, que tu veux te barrer,
Parle: je suis tout prêt; je me ferai chatrer.

Kinder der Freundschaft, Diener der Furcht,
Ich bin Amor. Zittert! Respekt vor dem Dieb!
Und du göttliche Braut, fürchte nicht Mutter zu werden,
Denn wenn du es wirst, ist Gott allein der Vater.
Doch, wenn du durchaus dich versperren willst –
So sprich: Meine Mannheit zu opfern bin ich bereit!

Es dauerte nicht lange, so kehrte meine Liebste, wie eine Nymphe gekleidet, zurück. Ein Kleid aus indischem Musselin, mit goldenen Lilien bestickt, ließ zum Entzücken ihre wollüstigen Formen hervortreten, und ihr Häubchen aus echten Spitzen war einer Königin würdig. Ich warf mich ihr zu Füßen und bat sie, mein Glück nicht länger zu verzögern.

»Mäßige dein Feuer noch wenige Augenblicke,« sagte sie; »da ist der Altar, und in zwei Minuten wird das Opfer in deinen Armen liegen.«

Sie ging auf den Schreibtisch zu und fuhr fort: »Du sollst sehen, wie weit die zartfühlende Sorgfalt meines Freundes sich erstreckt!« Sie holte die Schachtel hervor und öffnete sie; aber statt der gesuchten Überzieherchen fand sie meine Verse. Nachdem sie diese gelesen und dann laut noch einmal gelesen hatte, nannte sie mich einen Dieb, gab mir eine Menge Küsse und bat mich, ich möchte meine Beute wieder herausgeben. Aber ich stellte mich, als wüßte ich von nichts. Sie las meine Verse noch einmal, dachte einen Augenblick nach, sagte, sie wolle eine bessere Feder holen und ging hinaus. »Ich will dich in gleicher Münze bezahlen,« rief sie dabei lachend. Einen Augenblick darauf kam sie wieder und schrieb folgenden Sechszeiler:

Ohne den Liebesgenuß zu verkürzen,
Erfüllt meine Wünsche was du mir gestohlen;
Geschützt vor Gefahr und darum zufrieden
Schwelgt meine Seele in höchster Wollust
Und willst in Sicherheit mit mir genießen du selbst,
Gib mir, mein süßer Freund, der Freundschaft Gaben zurück.

Einem solchen Angriff konnte ich unmöglich länger widerstehen, und ich gab ihr die Dinger zurück, die für eine der Venus opfernde Nonne so kostbar sind.

Es hatte Mitternacht geschlagen. Ich zeigte ihr den sehnsüchtigen kleinen Helden, und sie machte das Sofa zurecht, indem sie sagte, im Alkoven wäre es zu kalt und wir wollten lieber im Salon schlafen. In Wirklichkeit traf sie diese Anordnung, damit wir dem neugierigen Liebhaber sichtbar wären.

Leser! Jedes Gemälde braucht Schatten; auch das Schönste muß hier und da verschleiert werden. Um dir die fortwährend sich ändernde Szene zu sc***dern, die wir bis zur Morgendämmerung aufführten, müßte ich alle Farben von Aretinos reicher Palette zur Verfügung haben. Ich war glühend und kräftig, aber ich hatte es mit einer starken Gegnerin zu tun, und am Morgen nach dem Kampf waren wir völlig erschöpft. Ja, ich war in solchem Maße erschöpft, daß meine reizende Nonne sich ernstlich um mich beunruhigte. Sie hatte in der Tat während des letzten Opfers mein Blut auf ihren Busen spritzen sehen, und da sie auf eine solche Erscheinung nicht gefaßt war, erbleichte sie vor Schreck. Ich verscheuchte ihre Furcht durch allerlei Tollheiten, über die sie herzlich lachen mußte. Ich wusch ihren wundervollen Busen mit Rosenwasser, um ihn von dem Blut zu reinigen, das ihn zum erstenmal in ihrem Leben gefärbt hatte. Sie sprach mir ihre Furcht aus, sie könnte vielleicht einen Tropfen davon verschluckt haben; aber ich überzeugte sie leicht, daß dies nichts zu bedeuten hätte, selbst wenn es der Fall sein sollte. Sie zog ihr Nonnenkleid an und beschwor mich, zu Bett zu gehen und ihr noch vor meiner Rückkehr nach Venedig über mein Befinden zu schreiben. Auch sie wollte mir sogleich schreiben; erst nach einer halben Stunde hörte ich sie das Haus verlassen. Gewiß war sie die Zeit über bei ihrem Freunde geblieben.

Es wurde mir leicht, ihr zu gehorchen, denn ich hatte das größte Bedürfnis nach Ruhe; ich schlief bis zum Abend. Als ich erwachte, teilte ich ihr schnell mit, daß ich mich ausgezeichnet wohl befände und vollkommen dazu aufgelegt wäre, unsern köstlichen Kampf von neuem zu beginnen. Ich bat sie, mir zu schreiben, wie es ihr ginge, und fuhr nach Venedig zurück.

An demselben Tage empfing ich von meiner angebeteten Nonne folgenden Brief:

»Ich schreibe Dir von meinem Bett aus, mein lieber Schwarzkopf, denn es ist mir unmöglich, mich aufrecht zu halten; ich fühle mich wie gerädert. Aber ich beunruhige mich nicht darum; etwas Ruhe wird mich heilen, denn ich esse gut und schlafe ausgezeichnet. Du hast mir Balsam in mein Blut gegossen durch die Mitteilung, daß das Vergießen des Deinigen keine bösen Folgen gehabt hat; ich werde mich am Dreikönigstage in Venedig selber davon überzeugen, das heißt: wenn Du willst. Du wirst mir darüber Bescheid geben. Solltest Du Dich meinen Wünschen ergeben, liebes Herz, so bitte ich Dich, mit mir in die Oper zu gehen. Übrigens denke daran, daß ich Dir für die Zukunft den Eiweißsalat streng verbiete; denn ich wünsche etwas weniger Genuß und dafür mehr Sicherheit in bezug auf Deine teure Gesundheit. Wenn Du künftighin nach Murano ins Kasino gehst, so frage, ob jemand da sei; und wenn man Dir bejahend antwortet, so entferne Dich; mein Freund wird es ebenso machen. Auf diese Weise lauft ihr keine Gefahr, euch zu begegnen; aber dieses etwas gezwungene Verhältnis wird nur noch kurze Zeit dauern, wenn es Dir recht ist, denn mein Freund ist ganz in Dich vernarrt und hat den brennenden Wunsch, Deine Bekanntschaft zu machen. Er sagte mir, er hätte es nie geglaubt, wenn er es nicht mit angesehen hätte, daß ein Mann solche Leistungen vollbringen könnte; aber er behauptet, Du forderst den Tod heraus, wenn Du Dich dem Liebesgenuß in solcher Weise hingibst; denn er versichert, das Blut, das Du vergossen habest, müsse aus dem Gehirn kommen. Aber was wird er sagen, wenn er erfährt, daß Du Dich darüber nur lustig machst! Paß auf, jetzt wirst Du aber lachen: er will Eiweißsalat essen, und ich soll Dich bitten, mir von Deinem Essig zu geben; denn er behauptet, in Venedig bekomme man nicht den richtigen. Er sagte mir, er habe eine köstliche Nacht verbracht, obwohl er wegen der Folgen unserer Liebeskämpfe Befürchtungen hege; denn er findet, daß meine Anstrengungen zu viel gewesen seien für die zarten Kräfte meines Geschlechtes. Das kann wohl sein, mein lieber Schwarzkopf, einstweilen bin ich ganz entzückt, mich selber übertroffen und eine so köstliche Probeleistung meiner Kraft abgelegt zu haben. Ohne Dich, mein Herz, hätte ich so hingelebt, ohne mich selbst zu erkennen, und ich frage mich, ob es möglich wäre, daß die Natur ein Weib hervorgebracht hätte, das in Deinen Armen gefühllos bleiben könnte, das nicht vielmehr an Deiner Brust ein neues Leben empfangen müßte. Es ist nicht genug, daß ich sage, ich liebe Dich: ich bete Dich an, ich vergöttere Dich, und meine Lippen schicken in der Hoffnung, den Deinigen zu begegnen, tausend Küsse in die Lüfte. Ich brenne vor Verlangen, Dein göttliches Bildnis zu besitzen, um in holder Täuschung das Feuer zu ersticken, das meine liebenden Lippen verzehrt. Ich hoffe, mein Bild wird Dir ebenso teuer sein, denn mich dünkt, die Natur hat uns beide füreinander geschaffen; und ich verwünsche den unseligen Augenblick, da ich aus eigenem Willen ein Hindernis unserer Vereinigung schuf. Ich schicke Dir anbei den Schlüssel zu meinem Schmuckschrank. Suche darin und nimm das Päckchen, das Du mit den Worten: »Für meinen Engel« bezeichnet finden wirst. Es ist ein kleines Geschenk, das ich Dir auf Wunsch meines Freundes als Gegengabe für das mir von Dir geschenkte herrliche Nachthäubchen verehre. Leb wohl!«

Autor:
  • Erotische Geschichten

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